Der Zeitreisende

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Gestrandet in Tashkent; die Stadt, die  einiges zu bieten hat – für 1 -2 Tage. Da wir auf unser Visum für Türkmenistan nun schon seit über einer Woche warten ist viel Zeit, auch um über diese Reise nachzudenken.

Eine gute Freundin hat mir vor einer Weile eine gute Frage gestellt:

Wie geht es dir denn mein lieber? Also ich meine so wirklich? Klar, lesen und hören tu ich vieles und das klingt so spannend und aufregend und auch eure Fotos faszinieren mich immer wieder aufs neue, aber in einem ruhigen Moment – ist es da genau so wie du es dir gewünscht oder vorgestellt hast? Oder besser? Oder anders?

Die Frage ist mehr als berechtigt:

Ich träume von dieser Reise seit ca. 6 Jahren. Es fing tatsächlich mit Ewan McGregor’s „Long Way Round“ (verpöhnt unter Motorradreisenden) an. Das kam damals auf DMAX (gab es das damals schon?) und meine Ex- Freundin meinte: „Das willst du jetzt wohl auch machen?“ Der sarkastisch ironische Unterton ist leider nur schwer in Schriftform zu übermitteln.

Aber look at me now! Ich sitze hier schwitzend in Tashkent und warte auf ein blödes Visum. 12.921km haben wir zurückgelegt. Fou, ich, Smetana und sein namenloses Motorrad! Kein Airbus, keine Boeing, kein Zug. Das haben wir alles selbst erreicht und das ist absolut fantastisch!

Das Leben auf Reisen im Allgemeinen, und bei dieser Art des Reisens im Besonderen, ist intensiv. Richtig intensiv! Es geht unter die Haut. Ich denke, dass wir pro Monat soviel erleben, wie in einem guten Jahr daheim. Nach dieser Rechnung wären wir 2 Jahre unterwegs – und so fühlt sich das an, und es ist toll!

Das Gefühl überall sein zu können und das selbst zu erreichen ist schwer in Worte zu fassen. Und ich hoffe sehr, dass wir durch unsere Berichterstattung hier den Einen oder die Andere dazu ermutigen können ebenfalls aufzubrechen.

 

Rückblickend auf die gestellt Frage sind es aber die ruhigen Momente, die mich nachdenken lassen, denn:

Ich erwische mich beim Zeitreisen

Zeitreisen, hat der jetzt völlig einen an der Klatsche?

Ja Zeitreisen!

Zeitreisen bzw. Time Traveling nennt James Altucher in seinem Buch „Choose Yourself“ diesen Zustand, wenn wenn man statt im Hier und Jetzt zu weilen, seinen Kopf in der Zukunft oder in der Vergangenheit hat.

ich lebe nicht im Hier und Jetzt – ich lebe in der Zukunft! Die Vergangenheit interessiert mich nicht besonders. Zu 50% weil sie schön war und zu 50% weil ich Weltmeister im Verdrängen bin. Unangenehme Erfahrungen packe ich in eine Kiste und lege sie auf den Dachboden meines Bewusstseins. Das ist nicht optimal, aber ein anderes Thema. In der Zukunft lebe ich hingegen schon eine ganze Weile.

Gedanken des Zeitreisenden

Während dieser Reise beschäftigt mich sehr oft was danach sein wird. Welche Projekte ich anstoßen möchte und wie ich mein Leben gestalten kann. Und doch wenn ich gefühlt 2 Jahre auf Reisen bin so ist es nur der Anfang. Wieso also in der Zukunft leben, die doch kaum beeinflussbar ist?

Jetzt für die Zukunft zu planen ist nicht nur völlig bescheuert – es ist absurd! Nicht nur weil ich solange auf diese Reise hingearbeitet habe, sondern auch weil die Zukunft super ungewiss ist. Ich meine wir reisen auf dem Motorrad – es ist gefährlich (Mama ich pass auf, versprochen!). Wenn nicht jetzt auf das Hier und Jetzt konzentrieren, wann dann?!

Gestern habe ich die letzte Seite meines Tagebuchs angebrochen und dann zurück geblättert. Ich mache das normalerweise nicht, keine Ahnung wieso. Und es hat mich darin bestätigt:

Das ist nicht erst seit dieser Reise so.

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Als ich meinen ersten Erwachsenen-Job hatte, dachte ich viel an meinen Ausbruch und die Reise nach Südamerika

Auf dieser Reise dann plagten mich Jobsorgen und Zukunftsängste

Als ich zurück war und wieder arbeitete dachte ich nahezu ausnahmslos an diese Reise auf der ich mich jetzt befinde

und guess what:

Jetzt bin ich auf dieser Reise, aber doch nicht zu 100%?

Ich habe das Gefühl trotz meiner physischen Anwesenheit etwas zu verpassen.

Ich will jeden Moment in mich aufsaugen, jede Stimmung genießen und einfach nur präsent sein. Ich bin es aber nicht.

Gibt es Medizin gegen Zeitreisen?

Es geht darum Kopf und Geist im Hier und Jetzt zu behalten statt ständig in der Zeit zu wandern.

  • Meditieren – ohh ja, fantastisch! Es ist sehr schwierig aber hilft enorm. Hier findest Du viele Ressourcen
  • Beim spazieren oder wandern versuche ich soviele Vögel zu sehen und zu hören wie möglich.
  • Nach Kunst in den Straßen Ausschau halten (Ich hatte es auch auf dem Motorrad versucht und glatt eine rote Ampel überfahren – keine Empfehlung!)
  • Tiefe Konversationen mit den Menschen um mich herum führen. (Small Talk ist einfach langweilig). Lustig zählt auch. Anregende Gespräche halten sehr gut im Hier und Jetzt
  • Zeichnen: Als ich aber einen Pfannkuchen malen wollte, dachte die Bedienung es sei eine Tomate – verworfen!

Ich bin bei allem Anfänger und deswegen interessiert mich:

Geht es dir ähnlich oder kennst du das Gefühl? Hast du Tipps? Mich interessiert Deine Meinung!

 

Keine Zeitreise mehr verpassen? Dann trage dich hier ein. Meistens geht es allerdings doch ums Motorradreisen





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