Die letzte Fähre

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Nirgends sinken Fähren so häufig wie in Indonesien.

Wer denkt, dass es an den ausrangierten chinesischen Dampfern liegt, die zwischen den Inseln schippern, der trifft den Nagel schon ziemlich gut. Außerdem wird alleine aus Prinzip die Ladung nicht gesichert. Abgesehen davon herrschen auf den Fähren meistens hygienische Bedingungen wie in einem Flüchtlingslager. 

Sonst  ist der Service fantastisch! Von Sumatra bis nach Sumbawa verkehren die schwimmenden Flüchtlingslager im 1 – 2 Stundentakt, Tag und Nacht.

Bis Du nach Flores kommst. Die Fähre von Flores nach Timor ist der Endgegner, die Reifeprüfung, die letzte Fähre.

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Der Endgegner

16h dauert die Überfahrt und wo die Fähren sonst im geschützten Küstengewässer fahren, abgeschirmt von hohem Wellengang, wirst Du hier zum Hochseemotorradfahrer.

Als ich in Ende (bezeichnender Name) ankomme, und mich im Ikhlas Hotel einquartiere, bereite ich mich schon mal mental auf die nächsten Tage vor. Die Fähre braucht nicht nur 16h, sondern fährt auch nur ein- bis zweimal pro Woche. Vielleicht.

Am nächsten Tag bekomme ich im Büro der Fährgesellschaft die glorreiche Nachricht, dass die nächste Fähre in 2h ablegt. Viel mehr Glück geht doch eigentlich gar nicht, oder?

Endorphinschübe packen und tragen mich zurück ins Gasthaus zu meinen Koffern und Taschen. Gefühlte 30 Sekunden später stehe ich am Hafen und überlege wie ich mein Motorrad am besten auf die Fähre bekomme.

Fähre laden – alternativ

Normalerweise ist es ganz einfach: Du fährst zur Fähre und über die Fährlucke in den Bauch des Schiffes und verzurrst Dein Motorrad richtig. Fertig.

Diesmal (weil Endgegner, Reifeprüfung und die letzte Fähre) geht das aber nicht.

Der eigentliche Fährhafen ist kaputt und so kann die Fähre nicht die Lucke öffnen sondern wird seitlich beladen. Leichte Fracht geht über die Reling. Schwere Fracht wie Roller gehen über eine kleine Tür in den Bauch des Schiffes.

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Soweit, so indonesisch.

Der Erfindungsreichtum hört aber auf, wenn die Physik in die Quere kommt. Die Tür ist nicht breit genug.

Also warte ich, denn wenn Du eins lernst auf so einer Reise dann sind es keine Fremdsprachen, Verhandlungsgeschick oder neues Essen kochen; es ist warten.

Meanwhile in Ende

In Ende kann man nichts machen, denn es gibt nichts. Daher ist der Hafen Jahrmarkt, Treffpunkt, Jugendhaus und Naherholungsgebiet in einem. Wenn dann ein Europäer mit einem Motorrad aufkreuzt, ist es eine willkommene Abwechslung für die Locals. Ich würde nicht sagen, dass die Wartezeit verflogen ist, witzig war es aber auf jeden Fall.

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 Die Retterin an Bord

Nach 8h warten (8h sind schon zermürbend) kommt schließlich der erste Offizier zu mir und meinte auf dem Schiff ist eine Kuh und die MUSS an Land. Glücklicherweise (für mich) passt sie auch nicht durch die schmale Tür.

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Lebensretterin

Stunts am Hafen

In einer Hollywoodreifen Aktion dreht der Captain schließlich das Schiff und lässt die Ladeluke runter . Leider hängt nur die hälfte der Lucke über dem Dock, die andere über dem Wasser. Erst kommt die Kuh und wird ans Festland eskortiert.

Schließlich rolle ich mit meinem Motorrad an die Luke, die allerdings einen guten halben Meter über dem Dock schwebt. Auch das Schiff liegt alles andere als ruhig und so schwingt die Ladeluke auch noch hin und her. Völlig ohne Scheiss: das war kein Spass!

Glücklicherweise habe ich in den letzten 8 Stunden am Hafen viele Freundschaften geschloßen und so reicht ein verzweifelter Blick nach links und rechts zu meinen neuen Freunden, die mir helfen das Motorrad auf die Luke zu heben.

Die Fähre legt dann auch relativ schnell ab. Allerdingt  dreht sie wegen hohem Wellengang mindestens genau so schnell wieder um. Die Nacht verbringen wir auf dem Schiff, denn der zweite Versuch soll morgens um sechs erfolgen.

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Motorrad verzurrt – Spießer

Ich mag übrigens keine öffentlichen Verkehrsmittel. Flugzeuge, Busse, Boote. Alles gleich. Und weil ich wie gesagt ein Schisser bin, schaue ich mir wenn es ungemütlich wird meist die Crew an. Solange die  entspannt in den Gängen spazieren ist alles im Lot.

Am nächsten Morgen scheitert schließlich der zweite Versuch und zwar heftig:

In Seenot

Als der Kapitän das Schiff wendet um umzudrehen und uns die Wellen so heftig treffen, dass ich erst den Himmel sehe, dann das Festland und schließlich direkt ins Wasser schaue,  beobachte ich den Typen an der Theke: Er umklammert mit beiden Händen eine Säule und scheint zu beten. Keine Ahnung wie knapp es war, heftig war es auf jeden Fall!

Als wir zurück im Hafen sind, müssen wir weitere 6 Stunden warten um auszusteigen. Mein Motorrad bleibt an Bord, die Ladeprozedur möchte ich nicht noch einmal durchziehen müssen.

So bin ich nach 30h zurück am Hafen und keinen Zentimeter voran gekommen, aber trotzdem froh auf dem Festland zu sein.

Ich muss auch in Ende bleiben, denn das Schiff wird zwar wahrscheinlich erst  in 3 Tagen ablegen, es könnte aber auch jede Stunde passieren. Indo-Zeitmanagement – man gewöhnt sich dran. 3 Tage in Ende ohne Fortbewegungsmittel sind zäher als 3 Staffeln „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“.

Das Warten hat sich schließlich doch gelohnt: Als die Fähre tatsächlich ablegt, ähnelt die Fahrt nach Kupang einer Bodenseeüberfahrt. Das spiegelglatte Wasser wird nur hin und wieder von Delfinen durchbrochen, die diese Idylle einfach nicht zu schätzen wissen.

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Sonnenuntergang auf hoher See mit Vulkan im Vordergrund

Gulasch in Westtimor

In Kupang in Westtimor gibt es eine Besonderheit. Micha hat sich vor einigen Jahren in Kupang niedergelassen und bietet in seinem Hotel deutsche Küche in Westtimor an. Somit ist er der Fixpunkt für viele Biker auf den Weg nach Australien und das völlig zu Recht.

Hier gibt es nicht nur fantastische Sonnenuntergänge auf der Sonnenterasse, sondern auch krasse Mondaufgänge.

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Es fiel mir richtig schwer mich von der Hasienda loszureisen.

Nach den Nächten auf hoher See und in Flores und Sumbawa, tat es richtig gut einfach mal ein bequemes Bett und ein sauberes Zimmer zu haben. Und dann noch das Essen!

Außerdem steckte mir die Fähraction richtig in den Knochen.

Selamat tinggal Indonesia!

Es ist nur ein Tagesritt an die Grenze zu Osttimor, wo ich das Kapitel Indonesien nach 4 Monaten beende. Wenn eines sicher ist, dann das ich zurück komme.

Meiner Meinung nach hat Süd-Ost Asien viel von seinem Glanz verloren; der Lack ist ab. Wenn man mehr möchte als shoppen in Bangkok und saufen auf Koh Phangan würde ich andere Ecken der Welt bevorzugen.

Abgesehen von Indonesien, für mich eines der interessantesten Länder und mehr als nur eine Reise wert.

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  1. Marco

    Hab mich herrlich amüsiert beim lesen dieser Zeilen. Ich hoffe doch inständig, dass ich irgendwann auch mal die Chance bekomme so etwas zu erleben.

    Drücke für die weitere Tour die Daumen und freue mich auf den nächsten Artikel.

  2. Christian

    Super anschaulich geschrieben! Endgegner, sehr cool. Ich kann deine Gefühle voll und ganz nachvollziehen, auch wenn ich bisher bei solchen Aktionen Glück hatte. Ich kann nur mit einer 48h Fähre in den Philippinen gegenhalten, die aber eigentich ziemlich entspannt war. Nach dem Bericht schätze ich es aber, den Flug von Maumere nach Kupang gebucht zu haben. :-)

    Übrigens sehr feines Fazit. Ich denke auch, dass einige der südostasiatischen Länder austauschbar sind, aber Indonesien ist es definitiv nicht. Ich will auch unbedingt wieder hin …

  3. Daniela

    Hallo du

    habe gerade in deinen Berichten geschmökert und frage mich, ob du schlussendlich per Seeweg nach Australien gefahren bist. Ich bin mit dem Fahrrad unterwegs und würde gerne entweder von Kupang oder von Dili auf dem Seeweg nach Australien gelangen. Keine Ahnung, ob das möglich ist.

    lieben Gruss
    Daniela


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