Freiwilligenarbeit in Südamerika – Erfahrungsbericht

Erfahrungsbericht_Freiwilligenarbeit_Suedamerika6

Kein Morgen wie jeder andere

7 Uhr morgens, der Wecker klingelt, ich bin in Pisco, Peru. Wirklich viel schlafen konnte ich nicht. Außerdem plagt mich der typische Durchfall („Pisco Belly“) seit Tagen. Ich fühle mich elend.

Was steht heute auf dem Programm? Werkzeug und Materialien vorbereiten, Morning Meeting moderieren, auf die Baustelle, wahrscheinlich zwischen 8 und 10 Std, abends steht ein Fundraising Event  an. Ich habe zugesagt mitzuhelfen.

Zuhause hätte ich mich bei so einem Tag in Verbindung mit meiner maladen körperlichen Verfassung sofort krankgemeldet. Nicht hier. Nachdem ich mich geschüttelt habe, strotze ich vor Tatendrang. Was war passiert?

Freiwilligenarbeit in Südamerika – mein Erfahrungsbericht 

Im August 2007 wurde Pisco von einem Erdbeben der Stärke 8 erschüttert. 85% der Stadt wurden zerstört, mehrere hundert Menschen sterben.

Kathedrale in Pisco

Kathedrale in Pisco

 

Landstraße in Pisco

Landstraße in Pisco

Nach anfänglicher enormer Hilfsbereitschaft durch die internationale Gemeinschaft versiegen die Hilfsmittel nach und nach. Pisco 2011 war pure Ironie. Auf der einen Seite gab es eine schöne Innenstadt mit Fußgängerzone und mehreren neuen Brunnen. Auf der anderen Seite stand exemplarisch „El Molino“. Jener neue Stadtteil, der ein vorübergehender Zufluchtsort werden sollte, 4 Jahre später aber immer noch ist. El Molino hatte weder Elektrizität noch Frisch- oder Abwasserleitungen. Pisco und El Molino sind ein Paradebeispiel von fehlgeleiteten internationalen Hilfsmitteln.

Frewilligenarbeit in Pisco, El Molino

Frewilligenarbeit in Pisco, El Molino

 

In diesem Chaos hat sich die NGO „Pisco Sin Fronteras“ zur Aufgabe gemacht benachteiligten Familien zu helfen. Viele leben in katastrophalen Verhältnissen, direkt auf Erdboden und ohne sanitäre Einrichtungen. Neben Arbeit in der Gemeinde (Kita, Englisch- und Computerunterricht) werden für diese Familien einfache, aber sichere, Häuser gebaut. Die NGO zieht Ihre Mittel aus ihren Freiwilligen, die sich einbringen, selbst spenden, oder gesammelt haben.

Erfahrungen meiner Freiwilligenarbeit in Südamerika

Welche Erfahrungen du während eines solchen Einsatzes machen wirst hängt enorm von den Rahmenbedingungen ab.

Welche Art der Arbeit wird verrichtet? Wo befindet sich die Organisation? Ist es eine deutsche NGO? Welche Größe hat sie? Wielange bleibst du vor Ort? Und kannst du dich auf die Gegebenheiten einlassen? Im Endeffekt sind die Erfahrungen meist subjektiv und auch nicht multiplizierbar.

Ich war insgesamt knapp 4 Monate in Pisco und habe meistens gebaut. Die NGO war amerikanischen Ursprungs, die meisten Freiwilligen waren Amerikaner und Briten. Meist waren wir ca 60 Freiwillige.

Das war nicht so toll:

# Hygienische Bedingungen

Wie oben beschrieben litt ich und viele andere an Durchfallerkrankungen. Dieses hatte 2 Ursachen. Einerseits wurden bei dem Erdbeben weite Teile der Kanalisation zerstört und größtenteils noch nicht wieder in Gang gesetzt. Andererseits wohnten wir Freiwilligen gemeinsam in einem Haus auf relativ engem Platz. Das begünstigt natürlich Ansteckungen.

# Komfort

6 Bett Zimmer, Strohmatratzen kein Fernsehen, kaum Internet, leben aus dem Rucksack. Komfort sieht anders aus. Da die Organisation privat finanziert ist und auf jeden Cent geschaut wird, ist nicht viel Platz für Annehmlichkeiten. Gekocht wird selbst, geputzt auch.

# Fehlendes Touristengebiet

Pisco liegt im Nirgendwo. Touristen nehmen es maximal als Straßenschild zwischen Lima und Cuzco wahr. Dies hat zur Folge, dass klassische Touristeneinrichtungen fehlen. Keine westlichen Bars und Discos, kaum Supermärkte, kein McDonalds oder H&M.

# Harte Arbeit

Egal ob du Gemeindearbeit verrichtest oder am Hausbau beteiligt bist. Die Arbeit ist wirklich hart. Und zwar nicht nur körperlich. Ich bin immer wieder an Menschen geraten, deren Schicksale ich nie wieder vergessen werde. Körperlich ist es gerade auf der Baustelle eine Herausforderung. Schweres Gerät ist nicht vorhanden, die Sonne unerbärmlich und der Arbeitstag lang.

Manchmal weiß man nicht wo anfangen...

Manchmal weiß man nicht wo anfangen…

Ich konnte mich sehr gut mit den Punkten arrangieren, kann es aber verstehen, wenn man auf gewisse Annehmlichkeiten nicht verzichten möchte. Dennoch gab es einiges, das Shopping Eskapaden ersetzen kann

Das was überragend

# Local sein

Du willst den Touri Stempel verlieren? Geh in ein abgelegenes Gebiet und leiste Freiwilligenarbeit über einen längeren Zeitraum! Grüßt dich der Verkäufer deines Lieblingsstandes auf dem Markt, nützt du das öffentliche (einheimische) Verkehrssystem, kennst du die Betreiber deines Lieblingsrestaurants beim Vornamen? Dann bist du tatsächlich angekommen. Freiwilligenarbeit lässt dich zu einem Teil der Gemeinde werden. Du lernst die örtlichene Gegebenheiten zu schätzen und die Probleme der Einwohner zu verstehen.

go local!

go local!

# Unschätzbare Freundschaften

Es gab viele Abende, an denen ich anderen Freiwilligen einfach nur zugehört habe.

Beispielsweise habe ich mit einem Amerikaner arbeiten dürfen. Er war ca. 40 Jahre alt und hat lange Zeit in hoher Position in einer großen Bauunternehmung gearbeitet, bis er sich ausgeburnt hat. Nach seiner Reha hat er als Hausmeister (!) in einem afrikanischen Waisenhaus gearbeitet. Danach ist er schließlich für fast ein Jahr nach Peru gegangen, um dort den anderen Freiwilligen mit seinem enormen Fachwissen zu unterstützen. Folge ihm auf seinem neuen Volunteer Abenteuer durch Südamerika auf www.mutare.me

Ein Pärchen, beide Fotografen, ist aus Italien ausgewandert und von Argentinien bis nach Kanada gefahren, um dort ein neues Leben aufzubauen. Die Reise bestritten sie mit einem alten VW Bus. Wer so etwas wagt, hat etwas zu erzählen.

Gute Zeiten bei Pisco Sin Fronteras

Gute Zeiten bei Pisco Sin Fronteras

# Bedeutungsvolle Arbeit

Jeder Job, den ich bisher hatte langweilte mich nach kurzer Zeit. Es lag daran, dass ich einfach nicht den Tätigkeiten nach ging, die mich interessierten. Ich konnte mir nicht die Frage nach dem „Warum“ beantworten.

Als ich dann bei Pisco Sin Fronteras arbeiten durfte hat sich das komplett geändert. Ich war zu 100% intrinsisch motiviert und habe Energie und Lebensfreude gespürt, die ich so nicht kannte. Trotz teilweise widrigen Umständen, schwierigen Projekten und persönlichen Schicksalen, die mich immer wieder an die Grenze gebracht haben, habe ich mich noch nie mehr am Leben gefühlt.

Ich habe anderen Menschen geholfen, und das mit Freiwilligen umgesetzt, die ich geschätzt habe.

Erfahrungsbericht_Freiwilligenarbeit_Suedamerika10_960

# Wachsen

Über das, was ich mitnehmen durfte kann ich 3 Artikel schreiben. Aber eine Sache möchte ich voran stellen. Großzügigkeit. Es hat 26 Jahre gedauert bis ich wahre Großzügigkeit gespürt habe.

Wir arbeiteten an einem Haus für einen älteren Mann. Erst hat er bei dem Erdbeben seine Frau und sein Haus verloren. Später hatte er einen schweren Arbeitsunfall, der ihn zum Invaliden machte. Eine Berufsunfähigkeitsversicherung hatte er natürlich nicht und das Soziale Netz in Peru ist zu grobmaschig für ihn. So bestritt er seinen Lebensunterhalt als Schrottsammler und lebte unter einer Zeltplane, nahezu mittelos.

Als ich eines Tages mit meiner zerrissenen Hose zu ihm kam bestand er darauf, mir seine einzige intakte Hose zu schenken. Jose war so arm, dass er sich kein Wasser leisten konnte, um seine Medikamente zu schlucken und wollte mir doch seinen einzigen Besitz schenken.

 

Falls du im Entscheidungsprozess bist, hoffe ich sehr dich ermutigt zu haben! Freiwilligenarbeit ist eine herausragende Möglichkeit tolle Menschen kennenzulernen, dich einzubringen, und enorm zu wachsen. Weiterhin lernst du wie es sich anfühlt, wenn deine Arbeit tatsächlich einen unmittelbaren Einfluss auf das Leben anderer hat. Mich hat es nachhaltig beeindruckt und verändert. Dennoch ist ernsthafte Freiwilligenarbeit kein Ponyhof. Sei dir über mögliche Entbehrungen bewusst. Vielleicht lernst du es zu genießen!