Geil, Alltag!

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Ein 9-5 Job und ein fester Wohnsitz, Routinen und Alltag – klingt nicht besonders erstrebenswert? Für mich klang es wie eine Symphonie! Nach über einem Jahr sehne ich mich nach Ruhe und Langeweile.

Wir landen mitten in der Nacht mit knapp 2h Verspätung. Die Nacht davor habe ich aus Geldmangel am Flughafen verbracht, dementsprechend gerädert bin ich.

Hätte der Pilot die falsche Ausfahrt aus dem Jet Stream gewählt und wäre statt im tropischen Darwin im schwäbisch-subtropischen Stuttgart gelandet – es wäre mir recht gewesen. Ich war pleite, müde und ausgebrannt. Fertig.

Ja, das letzte Jahr fordert deutlich seinen Tribut. Was gut war, in Darwin würde ich erst einmal bleiben. Die nächsten Monate sollte nicht gereist werden. Es wird ein stationäres Leben werden. Mit Job, Unterkunft, Freunden und Alltag. Vielleicht hole ich mir sogar einen Bausparvertrag.

Meine kleine Ranch

Einen ersten Lichtblick gibt es allerdings direkt am Flughafen: Auf Horzons Unlimited habe ich nach Starthilfe gefragt und Dave hat geantwortet und hostet mich erstmal für einige Tage. 

Dave ist eine ziemliche Legende in dieser Szene und beherbergt so ziemlich alles und jeden der von Asien nach Australien kommt oder das Wagnis in die andere Richtung begeht.

Sein Haus ist fast eine kleine Ranch, liegt 20km außerhalb von Darwin; er hat einen Nachbarn, ansonsten kommt in 2 km der Stuart Highway und in die andere Richtung erst einmal 300km lang nichts. Fantastisch!

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Dave und ich kommen gut miteinander aus und als ich ihm offenbare, dass ich vorhabe für die nächsten Monate ein Darwinese zu sein, bietet er mir an zu bleiben. 

Es dauert noch knapp eine Woche bis das Motorrad aus seinem Container befreit werden kann. Das ist allerdings eine Story für sich, die ich irgendwann mal für den geneigten Interessenten genau aufschreiben werde.

Jobsuche

In der Zwischenzeit habe ich mich vor allem um die Jobsuche gekümmert. Ein Blick auf mein Konto bereitet mir jedesmal physische Schmerzen und so bleibt wenig Zeit. Eine Karriere als Barkeeper habe ich angestrebt, denn das habe ich jahrelang während dem Studium gemacht und damals hat das auch schon Spass gemacht.Ein bisschen.  

Vor 11 Jahren: Der Kellnerstern geht auf

Vor 11 Jahren: Der Kellnerstern geht auf

Nach 10 Emails hatte ich 3 Vorstellungsgespräche und das erste ist dann auch mein Job geworden. Falls du auch mal einen Job in Australien suchst, dann falle ein bisschen aus dem Raster. Jeder schreibt in seine Bewerbung er ist “hard working” und hat eine “great working attitude”. Ich hab es so gemacht und das hat gut geklappt.

Dear XY,

reading applications is so boring, isn’t it? I’ll make it short for you!

3 + 1 reasons you should hire me

1 – experienced (5+ years in high class, busy, bar-enviroment, serving portuguese national team and members of Saudi Royal Family)

2 – reliable, once hired (and we like each other) i am loyal like a dog – promise!

3 – clean and fast – that’s my working attitude

+ 6 months time – I traveled a lot the last year – now its time to settle for a while.

You will find my CV attached. XY, it would be great to hear from you!

Cheers

Stefan

Witzige Randnotiz: Am Tag des Vorstellungsgesprächs haben wir mein Motorrad aus dem Container geholt und das auch so gleich mit einigen, zu vielen Bieren gefeiert. Meinen Einwand, ich hätte doch ein Vorstellungsgespräch ließ Dave nicht gelten.

Dein Chef hat zu der Zeit auch schon ein paar in der Birne! mach dir da keine Sorgen, Mate!

Na gut, es war ja auch schon kurz nach eins. 

Ob er etwas in der Birne hatte, weiß ich nicht, aber ich hatte danach einen Job und das ließ mir 3 Trillionen Steine vom Herzen fallen.

Anders als in Deutschland kann man von so einem Job hier ganz gut leben. Mit einem durchschnittlichen Stundenlohn von 25 Dollar und 30 – 40 Stunden, kombiniert mit der geringen Miete, die ich bei Dave zahlte, konnte ich wieder gut sparen.

Und so begann also die Routine und ich verrate dir etwas: Ich habe es geliebt!!!!

Alltag <3

Aufstehen, geiles Essen zubereiten, arbeiten, gute Kollegen, nach Hause kommen, schlafen. Das war wie ein Traum.

Weißt du was ich mir in Darwin angeschaut habe? NICHTS! Ich wollte nichts sehen, nirgends hinfahren, überhaupt nichts tun.

Neben Dave, noch ein paar andere liebe Menschen kennengelernt. Und so hat sich mein Arbeitseinsatz in Darwin als ziemlich angenehm entwickelt.

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Nach ein paar Wochen habe ich meine Karriere sogar noch weiterentwickelt und war tagsüber Buchhalter und nachts Tresenschlampe. Läuft.

Und neben einem Job und neuen Freunden und Alltag und einem netten Haus hat mich Darwin auch noch mit einem anderen besonderen Menschen versorgt, aber das verrate ich nur den „Neuigkeiten-Abonnenten“:

Irgendwann nach Monaten ging es dann doch mal in das Umland von Darwin und siehe da: neben wunderschönen Stränden und galaktischen Sonnenuntergänge gibt es auch noch Tiere zu bestaunen, die es bei uns nur als Handtaschenausführung gibt.

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See you Mate!

Zum Ende hin war ich dann aber doch froh Darwin zu verlassen, denn es ist nicht meine Stadt. Vor allem die alteingessesene Darwinesen sind sehr speziell. Das ist nicht weiter verwunderlich, schaut man auf Darwins Geschichte:  Darwin war eine Stadt die an Isoliertheit vielleicht nur noch von einer Arktisstation überboten werden konnte.

In so einem Leben gab es keinen Platz für Sentimentalitäten, es gab nur Platz für Gewehre, Jagd, Überleben. Das ist mittlerweile anders, allerdings vererben sich Ansichten und wer das nicht glaubt geht einfach mal nach Darwin.

Nach vielen Gesprächen am Bartresen, über die Flüchtlingskrise, Einwanderung oder den Nahen Osten bin ich ganz froh, dass Darwin keine Armee hat. Die Welt sähe anders aus.

Smetana, echt jetzt?

Kurz vor der Abfahrt hat mich dann tatsächlich noch die treue Yamaha im Stich gelassen. Bei dem was ich vor hatte war ich echt froh, dass das in Darwin passiert ist und nicht irgendwo im Outback. Grob gesagt: der Laderegler ist abgeraucht. Das ist bei diesem Modell ein anscheinend relativ gängiges Problem. Ich werde dazu noch etwas schreiben, solltest du in den nächsten Monaten mit einer Yamaha Tenere etwas verrücktes machen, dann schreib mich an.

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Vier Monate wurden es schließlich in dieser kleinen tropischen Perle, die mich mehr als reich beschenkt hat. Danke dafür, ich bin trotzdem recht froh zu gehen. Denn Australien hat viel zu bieten und ich habe endlich wieder Lust mich auf das Motorrad zu setzen. Verdammt viel Lust.

Von Stuttgart nach Darwin: So geht’s!

Der €€€ Report

 




  1. Bea & Helmut

    Schon wieder wir! :-)
    Aber dein Darwin-Artikel spricht uns sowas von aus der Seele!
    Neben den Fotos von Dave und seiner kleinen Farm – oh Gott, noch mehr tolle Erinnerungen an unsere eigene Zeit in Down Under! – haben wir unseren mehrmonatigen Arbeitsstopp samt Arbeitsalltag tatsächlich auch genossen, auch wenn für uns die Arbeit auf unserer Outbackfarm körperlich ganz schön anstrengend war. Aber eine Zeit lang nicht jeden Tag seine Sachen packen und weiter ziehen war auch für uns genau das, was wir gebraucht haben.
    Danach waren wir wieder offen für Neues und wir hörten den „Ruf der Straße“ wieder ganz deutlich in uns! :-)
    In diesem Sinne, alles Gute weiterhin und wir sehen uns „on the Road“! :-)
    Herzliche Grüße, aktuell aus Kolumbien,
    Bea & Helmut

  2. Stefan

    Hi ihr 2,
    immer schön von euch zu lesen!!

    Ich glaube wir hatten mal darüber geschrieben, dass es nach einer Weile einfach einen Reisekater gibt, den es gilt zu überwinden und das beste ist einfach eine Pause einzulegen :)

    Ihr habt schon ganz schön viel geschafft in Südamerika, alter Herr Verwalter! Ich folge euch :)

    Liebe Grüße
    Stefan


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