60h im rollenden Gefängnis

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Puh, die erste Hürde ist geschafft. Jetzt müssen wir uns nur noch selber auf den nächsten Zug verfrachten und dann war‘s das bald mit Indien.

Aber wenn dich Indien einmal in seinen Fesseln hat, dann lässt es nicht so einfach wieder los! Für uns heißt es dieselbe Strecke zu überbrücken, wie es unsere Motorräder hoffentlich bereits getan haben. Von Jammu nach Guwahati, 2.300 km in sage und schreibe 60 Stunden!  Ja Du hast richtig gehört, 60 STUNDEN in ein und demselben Zug! Wahnsinn findest Du? Finden wir auch!
Normalerweise gibt es in indischen Zügen 4 verschiedene Klassen: 1st AC, 2nd AC, 3rd AC und die Sleeper Class. Natürlich hat unser Zug nur die beiden letzten, 3rd AC und Sleeper. 3rd AC bedeutet, dass sich in einem Abteil auf jeder Seite je 3 Betten übereinander stapeln, aber zumindest ist der Waggon klimatisiert. Im Sleeper Abteil gibt es gar keine Betten, es gibt nicht einmal Fensterscheiben, die Ärmsten zwängen sich auf Sitzbänke und schauen durch Gitterstäbe auf die vorbeirauschende Landschaft.

Schaben vs Soldaten

Wir ergattern, aber auch nur durch Vitamin B und unseren Freund Naaveen, reservierte Betten in den klimatisierten Waggons. Der Begriff „Bett“ trifft es nicht ganz, es sind eher ausklappbare, harte Pritschen, die nicht ganz „im Wasser“ stehen. Zum Glück liegt der Winkel so, dass Du eher in Richtung Wand rutschst und nicht direkt aus dem „Bett“ fliegst. Aufrecht Sitzen geht allerdings nur wenn das mittlere Bett hochgeklappt ist. Unsere „Mitbewohner“ sind hauptsächlich zum Wehrdienst abkommandierte Offiziersanwärter und ein paar kleine Schaben, die sich in den Zwischenwänden verstecken. Beides nicht immer ganz so willkommene Zeitgenossen. Nach dem das Eis zwischen uns gebrochen ist, liegen schon mal die Beine (samt; ich beschreib Dir die Füße lieber nicht) auf unserem Kopfkissen, die Schaben sind da nur das kleinere Übel.

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Bollywood im Zug

Auch werden Kopfhörer in Indien vollkommen überbewertet. Obwohl nach jedem Stopp lauter fliegende Händler mit jeglichem Krimskrams durch die Flure gelaufen kommen und zu unchristlichen Zeiten lauthals ihre Waren anpreisen, kommt keiner auf die Idee sich die Lautstärkeregulierungswunder zuzulegen. So tönen rund um die Uhr aus vollen Rohren Musik, Filme und absolut hipp in Indien, Musikvideos! Richtig schlimm ist vor allem die erste Nacht rum zu bekommen! Glücklicherweise hat uns Naaveens Freundin Gauri beim Abschied noch ein wenig Verpflegung in die Hand gedrückt, bevor ihr die Tränen gekommen sind. Irgendwie hatten wir uns in dem Monat in Jammu doch alle sehr aneinander gewöhnt. Nach der ersten Nacht schlagen wir uns gar nicht so übel, selbst ein paar Konversationen mit unseren Mitfahrern sind drin. Nur den Gang zur Toilette verkneifen wir uns so gut und so oft es geht.

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Engel in Indien heißen Devraj

Einen Lichtblick am Horizont gibt es allerdings: Devraj. Wir haben bereits den nächsten Couchsurfing Host gefunden. Devraj ist so lieb und hat uns versprochen am Bahnhof in Guwahati auf uns zu warten. Da wir erst am späten Abend ankommen verschieben wir den schweren Gang zum hiesigen Parcel Office, um unsere Bikes in Empfang zu nehmen, auf den nächsten Morgen. Komischerweise haben uns alle vor dem Nordosten gewarnt. Es hieß, umso östlicher, desto ärmlicher.
Diesen Eindruck können wir aber ganz und gar nicht bestätigen. Guwahati ist uns um einiges lieber als Amritsar. Und bei unseren neuen Gastgebern kann man sich nur wohlfühlen, jeder von uns bekommt sogar sein eigenes Zimmer. Nach der Tortur im Zug genau das richtige für sanfte Träume. Am nächsten Morgen sind wir beide total nervös! Hat alles mit den Motorrädern geklappt? Sind sie noch in einem Stück? Sind sie überhaupt da?

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Devraj ist so lieb und begleitet uns bei unserer Mission. Mit einem Einheimischen an unserer Seite fühlen wir uns gleich ganz sicherer. Als unser Tucktuck am Bahnhof einfährt bekommen wir aber doch wieder Herzklopfen und schwitzige Hände. Bereits am ersten Gleis sehen wir einige Motorräder herumstehen, unsere sind allerdings nicht dabei. Wir haben die Befürchtung, dass die Bahnhofsodyssee wieder von Neuem beginnt, glücklicherweise klärt uns ein Angestellter darüber auf, dass das Lager im hinteren Teil des Bahnhofs zu finden ist. Nichts wie hin! Wir haben tatsächlich Glück und erkennen die Pakete mit unseren Seitenkoffern wieder. Wo aber sind unsere Bikes?! Der Verantwortliche gesteht uns, dass die Angestellten zu großen Respekt vor dem Gewicht der Maschinen hatten, dass sie sie nach dem Ausladen direkt am Gleis haben stehen lassen. Trotz der Tatsache, dass unsere Motorräder 5 Tage ungesichert in der prallen Sonne gestanden sind, sind wir überglücklich unsere Schätze in Empfang zu nehmen.

Breaking News

Die Bescherung findet noch an Ort und Stelle statt. Beim Auspacken unserer rollenden Packete scharren sich immer mehr Schaulistige um uns. Sogar das örtliche Fernsehen bekommt Wind von uns zwei Weltreisenden und kommt für ein Interview in den Breaking News herbei geeilt. Über unser Aussehen machen wir uns erst im Nachhinein Gedanken, aber zu dem Zeitpunkt freuen wir uns einfach nur, dass alles geklappt hat und wollen so schnell wie möglich verschwinden.

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Tea Time

Devraj und seine Mum kümmern sich, auch wenn ganz unterschiedlich, rührend um uns. Er, ein freiberuflicher Fotograf und privat ein kleiner Rebell. Sie, aufgewachsen in einer christlichen Mädchenschule, legt absolut hohen Wert auf Etikette, Understatement und ihren „afternoon tea“. Nachdem wir uns von den Strapazen der letzten Tage erholt haben bekommen wir richtig Lust den Nordosten zu erkunden. Und natürlich haben wir Devraj einen kleinen Ausritt versprochen. Los geht es also zur Fischfarm seiner Tante. Ein Ort, fernab von Verkehr, Smog und jeglichem Lärm. Perfekt zum Relaxen!

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An unserem letzten Abend wollen wir aber den Legenden rund um Guwahati auf den Grund gehen, es heißt der Nordosten sei das Rockzentrum Indiens. Tatsächlich, viele Bars werben mit live Konzerten um die Gunst der Nachtschwärmer. Wir sind überaus begeistert. Vielen Dank Guwahati, jetzt kann Myanmar endlich kommen!