5 Lektionen aus einem Jahr Alleinreisen

Copy of Sie haben eine Lücke im Lebenslauf. (5)

Mies geschlafen, rasendes Herz, schweißnasse Hände – so begann meine erste Solo-Etappe. 04.02.2015, von Kuala Lumpur 353km nach Penang. Ein gutes Jahr ist seitdem vergangen: Zeit zurück zublicken!

Wie ist es alleine Motorrad zu reisen? Ist es sogar besser? Welche Lektionen lehrt das Alleinreisen?

Gute 10 Monate bin ich entweder im Windschatten einer dicken BMW gefahren oder sah sie in meinem Rückspiegel durch die Landschaft gleiten. Als dieses vertraute Bild zerissen worden ist, ist auch viel Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten verloren gegangen. Zu zweit hatten wir schwierige Etappen gemeistert. Wir wussten, dass egal was passiert, irgendwie kommen wir da gemeinsam durch. 

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Dieses Vertrauen in meine eigenen Fähigkeiten musste ich mir erst wieder erarbeiten.

Und so  habe ich die ersten Wochen auf jedes Geräusch, das mein Motorrad fabriziert, genau geachtet – würde ich liegen bleiben könnte Fou keine Hilfe mehr für mich holen.

Ich hatte stets einen Haufen Bargeld dabei; falls ich einen Unfall hätte, könnten sich die Ersthelfer an den blutverschmierten Scheinen bedienen und mich hoffentlich als Dank vor einem Krankenhaus abwerfen.

Der €€€ Report

Heute schreibe ich dir diesen Artikel aus meinem verhasst / geliebten Darwin, gute 25.000km später. Ich bin alleine durch Indonesien, Osttimor und durch halb Australien gefahren.

So gerne ich mit Fou unterwegs war, ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen, welche mir dieses Jahr geschenkt hat.

5 Dinge, die ich gelernt habe

1.) Du bist nie allein…

Als ich alleine backpacken war in Südamerika war ich nie allein. Als Backpacker bewegst du dich auf festen Routen und folgst mehr oder weniger dem Touri Trail. Das ist gut so, denn so findest du gleichgesinnte und neue Freunde und bist selten allein.

Wenn du mit deinem eigenen Fahrzeug reist ist das anders. Versuche mal auf Sumbawa oder im Nordwesten von Sumatra oder in Osttimor andere Reisende zu finden. 

Oft bin ich tagelang gefahren ohne eine andere Langnase zu sehen.

Gibt es keine Touristen Magneten, so wirst automatisch du zur Attraktion. Wo sich kein Reisender hinverirrt kennen die Menschen Europäer nur aus dem Fernsehen.

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Besonders in Indonesien habe ich so viele neue Bekanntschaften gemacht, dass ich mittlerweile meinen eigenen Facebook Feed nicht mehr verstehe.

Die Gastfreundschaft und Offenherzigkeit, die du vor Ort erlebst ist unglaublich. Auch wenn wir nicht die gleichen Sprachen sprechen, war ich stets willkommen.

Wenn ich an eine Türe klopfte wurde mir geholfen.

2) …aber doch manchmal einsam

Nur weil ich Menschen um mich habe heißt dass nicht, dass ich nicht einsam sein kann.

Locals zu treffen ist fantastisch, der Austausch unbezahlbar und die Erinnerungen wiege ich für immer in Gold. Man kann sich zwar verständigen, wenn man nicht die gleiche Sprache spricht, allerdings nur begrenzt und nach einer Weile ist die Luft raus.

Außerdem ist es auch in touristischen Gebieten nicht immer einfach Anschluss zu finden. Um auf Menschen zuzugehen oder offen zu sein benötigt Energie. Wenn ich nicht mein bestes Ich bin, dann fällt es mir schwer. Statt Gemeinsamkeiten sehe ich nur Unterschiede, Menschen sind blöd und nerven mich.

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Die Wahrheit ist offensichtlich: Ich nerve mich nur selbst. Dennoch fühle ich mich dann einsam, was die Abwärtsspirale dementsprechend beschleunigt.
Irgendwann habe ich das durchschaut, das hilft mir, aber rettet mich nicht davon. Manchmal braucht es einfach Zeit.

3) Echte Freundschaften sind unersetzlich

Und wenn es mal nicht so läuft, dann nehme ich mein Telefon in die Hand und rufe meine 3, 4 guten Freunde daheim an.

Ich nehme ein Bad in ihrer Liebe und Zuneigung, wir sprechen über goldene Erinnerungen und malen uns neue Pläne aus.

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Der Komfort zeigt mir, wie unersetzlich wahre und gereifte Freundschaften sind. Außerdem ist so eine Reise ein fantastischer Gradmesser, wie Freundschaften selbst diese Distanzen überwinden können.

4) Ich bin alleine für mein Glück verantwortlich

Wer mit ein und der selben Person jede Stunde des Tages verbringt und teilweise sogar in einem Bett schläft der bekommt sich in die Haare (auch wenn das mit Fou schwierig ist).

Fou und ich waren gute Freunde, aber innerhalb des ersten Monats haben wir mehr Zeit miteinander verbracht, als in der gesamten Zeit in der wir uns kannten.

Da kommt es zu Reibereien.

Erst seitdem ich alleine bin habe ich verstanden, dass ich Dinge mit denen ich unzufrieden war auf ihn projezierte. Mit anderen Worten ich machte ihn für mein Unglück verantwortlich.

Zum Beispiel hatte ich zu Beginn hohe Erwartungen an unsere Reise, konnte sie aber nicht genießen wie ich es mir vorgestellt habe, weil ich von Heimweh geplagt war. Das entlud sich in Streit mit meinem Reisepartner.

Der richtige Weg ist zu analysieren was wirklich nicht stimmt. Anstatt sich der Unzufriedenheit hinzugeben und es an deiner Umwelt auszulassen ist es besser sie zu hinterfragen: was ist wirklich los?

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Sobald ich weiß was falsch läuft kann ich es ändern oder akzeptieren. So handele ich anstatt mich zu beschweren.

5) I can make it anywhere

Als ich in Australien angekommen bin hatte ich 140€ auf der Bank. Trotzdem ging es weiter. Wenn du dann den indonesischen Verkehr überlebst, dein Motorrad über Osttimors sogenanntes Straßennetz bewegst, erfolgreich nach Australien verschiffst und den halben Kontinent durchquerst, dann gibt das enormes Selbstvertrauen.

Mittlerweile habe ich das Vertrauen in mich gewonnen, was ich zuvor in uns hatte. Irgendwie geht es weiter und irgendwie komme ich aus jeder Unwegbarkeit wieder heraus. Auch wenn ich alleine bin.

Und jeder kann das: eine der erstaunlichsten Fähigkeiten an uns Menschen ist wie schnell wir uns an neue Umstände anpassen können. Wir müssen nur lernen auf uns selbst zu vertrauen.

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Wenn mir das Leben eine Zitrone hinwirft beisse ich nicht mehr hinein und ärger mich, sondern hole meinen Mixer und mache uns beiden eine Margharita.

Fazit: Alleine oder zu Zweit?

Alleine so etwas durchzuziehen ist eine geile Erfahrung und ich will sie auf keinen Fall missen.

Es ist ein befreiendes Gefühl komplett für dich selbstverantwortlich zu sein. Ich habe mich selbst auf Sumatra vergessen und sitze nun insgesamt seit 6 Monaten in Darwin. So what?  Ich bin gefahren wohin ich wollte und habe Pausen gemacht wann ich wollte. Und wenn mir nach einer Kokusnuss war, dann habe ich eben eine getrunken.

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Zu zweit zu reisen ist ein ständiger Kompromiss. Entscheidungsfindung ist viel schwieriger.

Mittlerweile weiß ich ziemlich genau wie ich ticke.  Dennoch: wenn ich für die nächste lange Reise jemanden finde, der ähnliche Vorstellungen hat, würde ich sicherlich das gemeinsame Reisen bevorzugen. 

Reist du lieber allein oder mit Reisepartner? Kommt Alleinreisen für dich überhaupt in Frage? Erzähl es uns in den Kommentaren!




  1. Marco

    Schöner Beitrag.

    Denke alle Motorradreisende haben die gleiche Erfahrung machen können. Alleine ist Freiheit und Unabhängigkeit. Zu Zweit (oder mehr) ist immer ein Kompromiss aus den Wünschen aller. Da muss man auch Ziele streichen die man gerne gesehen hätte.

    Bei längeren Touren kann ich selbst nur auf Erfahrungen aus Soloreisen zurückblicken. Kürzere Touren (< 3 Wochen) schon mit anderen Mitreisenden. Da fällt es schwer einen Vergleich zu ziehen.

  2. Rolf

    Hallo Stefan,

    sehr richtig! Gerade das Thema der Selbstverantwortung kann ich unterstreichen. Als Joe und ich getrennte Wege gingen fand ich es faszinierend, wie das mit jedem Kilometer besser funktionierte und wie ich nach und nach lernte, negative Emotionen in den Griff zu bekommen.

    Alles Gute für die letzte Etappe und Gruß aus München,

    Rolf

  3. Klaus

    Hallo Stefan

    Ich habe einen grossen Freundeskreis, rede gerne und viel, bin aber absolut der Typ Solo-Reisender. Meine erste Fernreise ging in den Isaan an den Mekong, ganz bewusst ohne grosse Planung. Ich habe keinen Plan, ich habe Zeit. Vorallem muss ich immer mal damit rechnen, dass irgendetwas schief geht. Das geht dann auf meine Kappe und ich moechte auch niemanden dadurch ausbremsen.

    Klaus
    (immer auf Achse bzw im Rollstuhl)

  4. Michael

    Hallo Stefan
    Ich habe die Erfahrung des allein reisens und zu zweit reisens gemacht. Beides hat Vor- und Nachteile. Wenn du alleine Unterwegs bist , dann kommst du schneller mit den Einheimischen in Kontackt. Bist für alles selber verantwortlich und planst alles alleine. Kannst aber den Augenblick und die Ereignisse nicht teilen. Trotz Internet und Co! Es ist nicht das selbe. DER AUGENBLICK ist unersetzlich!


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