Pakistan, Augen zu und durch, oder?!

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Da ist sie nun, unsere erste Polizeieskorte. Aber was für ein Gefühl soll sie uns vermitteln? – Ein Gefühl von Sicherheit?! Für uns ist es eher ein neues Abenteuer. Und wovor soll sie uns beschützen, vor Entführern? – Ich bin mir nicht sicher, ob die 2-3 Jungs im Pickup eine Horde von wildgewordenen Paschtunen in die Flucht schlagen können. Und falls sie uns gar nicht entführen wollen, sondern einen Anschlag auf die Polizei ausüben möchten, ist es dann nicht vielleicht sicherer einen größeren Abstand zur vorausfahrenden Eskorte zu wahren?!

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Fragen über Fragen, wir machen das Beste daraus und versuchen unsere neue Art zu Reisen auf Videos und Fotos festzuhalten. Die gute Seite an unserem neuen Schatten, der Polizist übernimmt unsere komplette Ausreiseprozedur. Unseren Informationen nach, solltest Du so früh wie nur möglich über die Grenze, ansonsten lassen dich die pakistanischen Behörden nicht weiterreisen. Es könnte ja bereits Dämmern, und wie jeder weiß sind alle Terroristen nachtaktiv. Wir sind früh da, allerdings dauert hier alles ein wenig länger und Zeitumstellung ist auch noch.

1. Nacht hinter Gittern

Wir müssen den restlichen Nachmittag und die Nacht in einem 0 Sterne Polizeihauptquartier campieren. Auf der einen Seite sind wir und unsere Motorräder untergebracht, auf der anderen Seite langweilen sich ein Dutzend Sträflinge hinter Gittern. Also was tun mit der Zwangspause? – Die letzten Tage über hat sich einiges an Dreckwäsche angesammelt, warum also nicht etwas Nützliches tun. Als ich gerade aus unserer Unterkunft herausspazieren möchte befinden sich urplötzlich alle Gefangenen im Innenhof, scheint wohl Freigangzeit zu sein. Notgedrungen trete ich den Rückzug an und schau mir das Spektakel aus sicherer Entfernung an, natürlich sind alle Blicke auf die 2 Touristen mit ihren Monsterbikes gerichtet. Irgendwann ist die Langeweile aber so groß, dass ich mich ins Freie traue. Brust raus und Schultern nach hinten heißt die Devise. Die Wachposten mit ihren Gewehren werden schon auf mich aufpassen. Und schließlich kann ich den ausschließlich männlichen Insassen beibringen, wie Mann seine dreckigen Klamotten auch ohne weibliche Hilfe wieder sauber bekommt.

Zwei Dinge müssen wir noch erledigen, bevor wir am nächsten Morgen loskönnen. 1. Brauchen wir Benzin und 2. müssen wir noch unser Carnet de Passage (Zolldokument) abstempeln lassen. Das mit dem Benzin hat sich schnell erledigt, da es keine Tankstelle gibt und wir unsere Motorräder auf dem Polizeigelände stehen lassen sollen, decken wir uns beim Kiosk um die Ecke mit einem 20 L Kanister ein. Natürlich beste iranische Schmuggelware zum Wucherpreis, eine andere Wahl haben wir allerdings nicht. Mit dem Carnet ist es ein wenig komplizierter, ein Polizeibeamter muss uns zur Zollstelle fahren, der Dienstwagen, ein ramponierter Pickup mit Einschusslöchern ist aber alles andere als verkehrstüchtig. Auf dem Hinweg bleibt unser Gefährt 3-4 Mal stehen und auf dem Rückweg geht gar nichts mehr, wir bleiben mitten auf dem Weg stehen. Zufällig fährt 5 min später ein anderer Polizeibeamter mit einem Roller an uns vorbei und besorgt 1 Liter Diesel. Wer weiss was sonst passiert wäre, denn das Funkgerät funktioniert natürlich auch nicht, aber wen kümmert das schon.

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Plötzlich bist Du die Eskorte

Auf dem Weg nach Quetta, der Hauptstadt Balutschistans, passieren wir unzählige Polizei Checkpoints und werden von einem Dutzend verschiedener Polizeifahrzeuge eskortiert. Am meisten freuen wir uns über Pickups, denn die fahren wenigstens einigermaßen schnell, leider treffen wir aber auch auf eine Handvoll Moped Begleitfahrzeuge, da heißt es dann mit überhitzten Motoren 30-40 km/h rumtuckern. Ein einziges Mal kommt es sogar so weit, dass die ansässige Polizeistation über keinerlei Fahrzeuge verfügt und wir unser Gepäck so verteilen müssen, dass der Polizist samt Sturmgewehr hinter mir auf der BMW Platz nehmen kann. Es ist unmöglich in diesem Schneckentempo an einem Tag bis nach Quetta zu kommen, unsere Freunde und Helfer lotsen uns also zu einem Hotel in Dalbandin. Selbst im Hotel werden wir auf Schritt und Tritt verfolgt. 2 Polizeibeamte sind zu unserem Schutz abkommandiert worden und verbringen die Nacht mit uns. Zum Glück können wir uns für die Nacht allerdings in unser Zimmer zurückziehen, selbst wenn das Angebot, mit den beiden auf dem Hoteldach unter freiem Himmel zu schlafen, verlockend ist. Bevor wir uns in unsere Gemächer zurückziehen leisten wir den Polizisten aber etwas Gesellschaft.

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Quetta

Nach zig weiteren Polizeieskorten erreichen wir endlich Quetta, zu unserer Überraschung werden hier härtere Geschütze aufgefahren, plötzlich sind die Fahrzeuge gepanzert und die Polizisten sind Elitesoldaten mit dem Finger immer am Abzug und den Blick streng in alle Richtungen gewandt. So wie die meisten Touristen werden wir in das berühmte Bloomstar Hotel gebracht. Zu unserem Pech ist es bereits Freitagnachmittag, da wir für die Weiterfahrt ein NOC Dokument benötigen, sind wir über das Wochenende in Quetta gestrandet, bis die Behörden am Montag wieder öffnen. Auf der einen Seite tut die Zwangspause gut, auf der anderen ist es so wie in einem goldenen Käfig gefangen zu sein. Wir dürfen nur tagsüber das Hotel ohne Polizeischutz verlassen, und selbst dann sollten wir uns nicht weit vom Hotel entfernen. Nach einer kurzen Couchsurfingsuche stoßen wir auf die Cousins Farooq und Irfan. Natürlich respektieren wir die Sicherheitsvorkehrungen, allerdings wollen wir auch hier Land und Leute kennenlernen. Obwohl wir gezwungen sind im Hotel zu übernachten sind die beiden so lieb und geben uns eine Stadtführung inklusive Bazarbesuch, Milktea und Mangoshake. Bei dem Abendprogramm sieht das ganze wieder etwas komplizierter aus, dass uns Farooq zum Abendessen in sein Büro einlädt schmeckt unserem Hotelmanager gar nicht. Er alamiert die Polizei und alles artet in einer endlosen Diskussion aus. Zu guter Letzt einigen sich alle Parteien darauf, dass die Polizisten uns zum Bürogebäude begleiten und wir sie anrufen, sobald wir mit dem Essen fertig sind.

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Was suchen 2 Deutsche, 3 Pakistanis und die Polizei auf einer Mango Plantage?

Obwohl der Weg nach Lahore über Sukkur ein Umweg ist, schreiben uns die Behörden vor, erst nach Süden zu fahren um dann wieder nach Norden zu kommen. Kurz vor Sukkur sind wir endlich von den zermürbenden Polizeieskorten erlöst, obwohl es gerade hier bei der Hotelsuche hilfreich wäre. Am nächsten Morgen machen wir uns zum ersten Mal alleine los, ein befreiendes Gefühl, nun können wir auch endlich wieder alles um uns herum genießen und im Vergleich zu Balutschistan ist es ab Sukkur zu unserer Überraschung total grün. Leider hält unsere Freude über die zurückgewonnene Freiheit nicht allzu lange, nach ca. 40 km werden wir von der Polizeikontrolle gestoppt und müssen uns bis nach Multan wieder hinter mehreren Polizeieskorten einordnen. In Multan haben wir uns fest vorgenommen wieder bei Einheimischen unter zu kommen. Iqbal Gangla, ein begeisterter pakistanischer Motorradfahrer hat uns nämlich in sein Heim eingeladen.

Es dämmert schon als wir in Multan ankommen, wir sitzen bestimmt schon wieder seit 6 oder 7 Stunden auf dem Motorrad und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass wir uns seit ein paar Kilometern wieder von Multan entfernen. Ich überhole also unser Begleitfahrzeug und signalisiere dem Fahrer, dass er gefälligst rechts ran fahren soll. Zu unserer Verwunderung hatten die Polizisten geplant uns ungefragt bis nach Lahore zu bringen, oder zumindest bis zum nächsten Distrikt, damit sie uns aus ihrer Verantwortung los haben. Aber nicht mit uns, wir beharren darauf, dass wir in Multan nächtigen wollen, selbst wenn das bedeutet wieder 10 km in die entgegengesetzte Richtung zu fahren. Am Ende erweisen sich unsere Begleiter sogar so hilfsbereit, dass sie für uns nach dem Weg zu unserem Gastgeber fragen.

Irgendwo auf dem Weg kommt uns Iqbal bereits auf seinem Moped entgegen, scheinbar hat sich bereits herumgesprochen, dass sich 2 neue Touris in der Stadt aufhalten und Iqbal ist dafür bekannt, dass er sie alle bei sich zu Hause aufnimmt, auch wenn das den Behörden überhaupt nicht recht ist. Bei Iqbal und seiner Familie fühlen wir uns pudelwohl, selbst sein Facebook-Fotoupload-Wahn nehmen wir hin, jetzt sind wir endlich auch in Pakistan angekommen. 2 Dinge sind absolut neu für uns, zum einen sind Frauen Mangelware, bzw. man sieht sie zumindest nirgends, selbst von Iqbals Frau sehen wir immer nur den Schatten an uns vorbei huschen. Und scheinbar hat Pakistan, trotz Atommacht ein Elektrizitätsproblem, seit dem wir in Pakistan sind wird je nach Region der Strom immer wieder für mehrere Stunden abgedreht. Wir gewöhnen uns langsam daran, Du gewöhnst dich mit der Zeit an alles. Iqbal ist es bereits gewohnt bei den Behörden anzuecken, nicht nur, dass er fast jeden Pakistanreisenden bei sich zu Hause aufnimmt, nein er zieht auch stur sein Sightseeing Programm durch, ein bisschen Kultur kann den Polizisten nicht schaden. Wir schwingen uns also auf 2 seiner Mopeds, und düsen samt Bewachern von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. Das Highlight Multans ist sicherlich der Besuch einer Mango Plantage, samt Bad im Bewässerungsbecken und Verköstigung.

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Lahore, Campieren im Gewächshaus

Mittlerweile bereuen wir sogar, nicht mehr Zeit für Pakistan eingeplant zu haben, all die Fotos, Videos und Berichte von Iqbal über den Norden Pakistans machen richtig Lust darauf. Beispielsweise ist die Fläche Kaschmirs auf dieser Seite der Grenze um einiges größer, als in Indien. Ein andermal vielleicht. Uns trennt nur noch eine Stadt vor dem bunten Treiben in Indien. Iqbal rät uns lieber ein bisschen früher aufzubrechen sofern wir nicht wieder in eine Polizeikontrolle geraten möchten. Dieses Mal haben wir Glück, wir können die komplette Strecke bis Lahore ohne Begleitschutz hinter uns bringen und obwohl sich unser Host Omer selber gerade auf Reisen befindet, beauftragt er seine Freunde und Angestellten für uns zu sorgen. Selbst wenn sich sein angepriesenes Wellnesscenter als Gewächshaus herausstellt, nehmen wir sein Angebot dankend an. Immerhin kümmern sich Mohsin und Tariq rührend um uns, beide sind Omers Schützlinge. Und wenn der Oberguru in der Stadt ist treffen sie sich um zu meditieren oder um den spirituellen Geist des Lebens zu finden.

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  1. Jannis

    Du hättest ruhig mal erwähnen können, dass ab 24 Uhr der Strom ausfällt und damit jegliche Hoffnung auf einen Lufthauch, der die Hitzeabstrahlung der Zimmerwände irgendwie erträglicher machen könnte… Falls das jemand liest, der im Sommer nach Dalbandin kommt: Nehmt euch einen 12V Ventilator mit ;)


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